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#37: RatschRatsch


- Januar 2019 -


Kennst du diese Dinge, die du tun musst, obwohl du überhaupt keine Lust darauf hast? Du willst dich gar nicht damit anfreunden, sondern du möchtest, dass sie ganz schnell wieder gehen. Hopp hopp, weg mit dir!


So ging es mir mit meinem Knee-Immobilizer bzw. meiner Orthese. Den Begriff hatte ich erst später gelernt, denn auf Hawai’i war es der Knee-Immobilizer. Das gefiel mir besser :-)


Im Grunde eine wirklich gute Erfindung, die mir viel Sicherheit und Halt gab und doch hat mich das An- und Ausziehen tierisch genervt, weil es so lange dauerte und dieser Klettverschluss mich ziemlich aufregt hat.


Und dann tat sie irgendwann einfach weh - vor allem in der Kniekehle, deshalb habe ich sie immer wieder an und ausgezogen.


An und Aus.


Hinlegen aus. Aufstehen an. Mit der rechten Hand das rechte Bein anheben, Schiene in die richtige Position bringen, nachjustieren, Klett lösen, ratschratsch, Klett festmachen, testen, Klett nachjustieren, ratschratsch. Fünfmal für jeden Klettverschluss, wenn die Schiene gleich an richtigen Ort war und gut saß. Mindestens sieben Mal am Tag und am Anfang mehrmals in der Nacht für die Toilette, wegen meiner Blasenentzündung. Ich wollte den letzten Verschluss einsparen, aber das brachte mich auch nicht weiter, um effizenter zu sein. Denn in diesem Learning ging es um Geduld und Akzeptanz und nicht um Effizienz.


Jedesmal das gleiche Drama in meinem Kopf, da ich überhaupt keine Lust darauf hatte und ich mir dachte: Pah, das mache ich nicht mehr oft, das Ding habe ich bald los!


Denkste. Alles was wir möglichst schnell wieder loshaben wollen, bleibt erst einmal eine Weile. Mir war das auch klar. Trotzdem konnte ich keine Freundschaft damit schließen.


Bis mir der Film „Adeline“ einfiel. Dr. Rüdiger Dahlke erzählte bei unserer veganen Ernährungsberater-Ausbildung PEACE FOOD darüber und ich musste ihn unbedingt ansehen. Er handelt von einer Frau, die durch einen Unfall nicht mehr altert. Sie wird einfach nicht älter und entschließt sich irgendwann dazu, immer wieder ihre Identität zu wechseln, damit es nicht auffällt. Sie lebt in verschiedenen Städten und kennt irgendwann alles bis ins kleinste Detail.


Sehr berührt haben mich die Momente, wenn sie mit ihren Händen alte Filmrollen auflegte oder sie sich alte Fotos ansah. Sie hat es voller Liebe, Achtsamkeit und Hingabe getan. Es war so ein wunderbar entschleunigendes Gefühl, ihr dabei zuzusehen.


Langsam, behutsam, sanft.


Ab diesem Zeitpunkt habe ich das Gefühl mit in meine tägliche Ratsch-Ratsch-Routine genommen und besonders sorgfältig und liebevoll die Klettverschlüsse geöffnet und gut verschlossen, damit meine Schiene mich sicher an meinen Zielort brachte.


Weißt du, in unserer MentalCoach-Ausbildung haben wir drei Möglichkeiten gelernt:


1. Love it

2. Change it

3. Leave it


Verlassen konnte ich die Situation nicht, ändern auch nicht. Da blieb nur das Lieben lernen …


Nun bist du nicht mehr da liebe Schiene. Ja, du hast mir wertvolle Dienste erwiesen, auch wenn du mich eine zeitlang ratschenderweise in den Wahnsinn getrieben hast.


Viele Tage, Nächte und Wochen.


An die 10.000 Mal.


Goodbye RatschRatsch.

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