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  • Autorenbilddoris7kessel9

#33: Sitzengelassen

- Dezember 2018 -


Ich muss zugeben, ich hatte immer noch ein wenig Angst, wenn ich zu lange alleine an einem Ort war, wo ich nicht mobil sein konnte. Vor allem an Orten, wo die Toilette zu weit weg war, dass ich sie alleine hätte gut und sicher erreichen können. Und da war sie wieder, diese Angst.


Wir lagen mit dem Schiff in Lanzarote vor Anker und mein (Ex-)Mann wollte zwei Stunden an Land laufen gehen. Was ich als ehemalige Leistungssportlerin sehr gut nachvollziehen konnte. Zudem hatte er den ganzen Vormittag damit verbracht, mich in die Fußgängerzone zu rollern und dann mit mir eine passende Antifalten-Creme zu suchen. Weil ich ja sooooo alt aussehe. Ja, ich bin ein bisschen eitel. Ich geb’s zu.


Da lag ich nun. Auf der Liege in der Sonne und wir hatten wirklich beste Vorkehrungen getroffen. Es war ein ruhiger, sonniger Platz und die Sonnenverweildauer sollte reichen, bis er wieder da ist. Ich hatte etwas zum Lesen, mein Handy, die Krücken und den Rolli neben mir. Und natürlich war ich vorher noch einmal auf der Toilette und habe danach nichts mehr getrunken. Die Zeit verging auch relativ schnell, wie beim letzten Mal, als er weg war. Da waren es jedoch nur 1,5 Stunden.


Und dann passierte es. Die Sonne war weg und mir wurde arschkalt. Klar, hatte ich lange Kleidung dabei, aber es reichte nicht. Und dann passierte das andere auch noch. Ja, genau, ich musste auf die Toilette. Verdammt. Wie komme ich jetzt hier raus. Ich fühlte mich in diesem Moment einfach nur hilflos, einsam und alleine sitzengelassen. Was für ein scheiß Gefühl.


Nach langem hin und her in meinem Kopf schnappte ich mir die Krücken, zog meine Schiene an und suchte den Weg zu Toilette. Das Schiff meinte es auf dem Weg besonders gut mit mir und wackelte, obwohl es im Hafen lag, schön brav vor sich hin. Nur um mich zu ärgern. Pfff.


So hangelte ich mich am Rand entlang und suchte vergeblich den Eingang zur Toilette. Da wo ich dachte, dass eine war, war der Eingang zur Sporthalle. Mist. Wieder raus und über diese dämliche Bodenwelle drüber, die vor jeder automatischen Schiebetür lag.


Die automatischen Türen machten mir auf diesem Schiff sowieso Angst, denn beim letzten Mal auf der Toilette, ging sie zu schnell wieder hinter mir zu und ich war mit den Krücken noch gar nicht drin. Ich sah mich schon auf dem Boden liegen. Blutüberströmt dramatisch versteht sich. Aber irgendein Flying Angel hatte mich wohl hochgehoben und einen Satz nach vorne machen lassen. Vielleicht war es auch das Adrenalin und das Cortisol in mir. Kann auch sein.


Diesmal war ich noch weit von einem WC entfernt und gab es auch irgendwann auf, weil es mir einfach zu wackelig war. Also wieder zurück zur Liege. Aber da wollte ich auch nicht bleiben. Doppelmist. Wie komme ich jetzt alleine in den Rollstuhl? Auf dem Deck war auch niemand mehr, denn die schlauen Sonnenanbeter lagen alle auf der anderen Seite, wo die Sonne hingewandert war.


Pipi und Kalt. Die Kombination mag ich gar nicht. Was mich an eine Postkarte erinnerte: Hunger, Pipi, Kalt. So sind wir Mädchen halt. Pah! Ich bin kein Mädchen!

Aber ich kann doch auch nicht einfach gehen. Was ist, wenn mein (Ex-)Mann mich sucht, er weiß doch gar nicht, wo ich bin.


Naja, vielleicht kann er sich denken, dass ich in die Kabine bin. Hoffentlich, denn die zwei Stunden waren fast um. Aber ich konnte einfach nicht mehr länger warten. Mein Hals tat schon furchtbar weh. Die Klimaanlage hatte die letzten Tage meinem noch geschwächten Immunsystem stark zugesetzt.


Zum Glück kam in der Zwischenzeit ein netter Mann vom Bordpersonal und half mir in den Rollstuhl. Und da war es wieder dieses Gefühl. Dieses Gefühl des Sich-nicht-helfen-lassen-und-es-alleine-schaffen-wollens. Nur da musste ich jetzt durch, wenn ich nicht in die Hose pinkeln wollte.


Als ich dann im Rollstuhl saß, gab er mir noch die Krücken unter die rechte Achsel und los ging die wilde Fahrt. Natürlich alleine. Nicht-schieben-lassend.


Im Gang und beim Aufzug war ich schnell. Nur war es die richtige Richtung? Was war noch mal Vorne und Hinten und wo waren wir überhaupt? Und da war er wieder, dieser dämliche Teppich. Boah, war das anstrengend. Mir taten die Arme weh. Und jedesmal, wenn mir die Krücken runterfielen, wuchs mein Aggressionspegel.


Endlich angekommen. Oder doch nicht? Wieso wurden die Zahlen hier wieder höher? Oh! Mann!


Irgendwann war ich dann endlich da. Völlig fertig. Völlig entnervt.

Trotzdem schaffte ich es alleine aus dem Rollstuhl heraus und durch die enge Kabinentür, gegen die man sich richtig stemmen musste, damit sie nicht wieder zufiel.


Nachdem ich auf der Toilette war und ich mich immer noch nicht wieder beruhigt hatte, kam fröhlich mein (Ex-)Mann durch die Tür mit einem Cocktail in der Hand. Mein blitzschnelles Sherlock-Gehirn kombinierte rasend schnell: Er hat sich nicht einmal Sorgen um mich gemacht. Konnte seiner Bewegungslust frönen und sich sogar noch entspannt einen Cocktail holen!


„So geht das nicht mehr. Zwei Stunden sind zu lang. Eineinhalb ist das Maximum, was ich alleine sein kann“, platzte es als „freundliche" Begrüßung aus mir heraus. Die freundliche Antwort kam postwendend. Jetzt waren wir beide sauer. Beste Voraussetzungen für eine harmonischen Abend. Am meisten triggerte mich noch seine Aussage: „Es wird Zeit, dass du selbständiger wirst.“

Würde ich ja, wenn ich könnte! Grrr.


Mir war vollkommen bewusst, dass er sich an die Zwei-Stunden-Abmachung hielt und nichts dafür konnte. Aber seine Reaktion und sein geringes Mitgefühl mit meiner Situation machten mich noch wütender. Er konnte überall hin und alles tun, was er wollte. Ich nicht. Ich war gefesselt und abhängig von ihm. Ja, es wurde wirklich Zeit, dass ich selbständiger wurde.


Mein Ego war entfacht. Ja, das hat bei mir schon immer sehr gut funktioniert - wenn ich die Dinge auch wirklich wollte. Zum Beispiel in meiner Jugend war einer der Hypes der „Gameboy“ und das Spiel „Tetris“. Wie jedes Jahr an Weihnachten waren wir beim Wintercamping in Österreich und hatten dort so etwas wie eine Jugend-Clique. Alle besaßen diesen Gameboy und ich wollte es auch einmal versuchen.


Was keine gute Idee war, denn ich scheiterte schon bei Level 1. Was mir wiederum das Gelächter der anderen bescherte. Was mich wiederum so herausforderte, mir auch so ein Ding zu kaufen, um an Fasching (Karneval für Nicht-Bayern), wenn wir uns wieder sahen, besser zu sein.


Das tat ich auch. Ich übte und übte und schaffte am Ende das höchste Level. Ja, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte ich schon, wenn ich wollte.


Es wurde Zeit, diese Kraft wieder zu reaktiveren. Stück für Stück.


Diese Kraft, die mich in der Grundschule zwischen zwei Barhockern zu Hause hat Gummihupfen trainieren lassen, weil ich in den Schulpausen daran scheiterte.


Diese Kraft, die mich mein Fernstudium zum Abitur hat durchziehen lassen, obwohl meine Grundschullehrerin zu meinen Eltern sagte, dass ich niemals eine Gymnasiastin sein werde und sie mich deshalb auf die Realschule schicken sollten. Was sie auch getan haben.


Diese Kraft, als meine Mutter behauptete, ich würde nicht die Note 1 in der Mathe- Abschlussprüfung in der Realschule schaffen (ich stand vorher auf Note 4). Und ich hatte es geschafft. Obwohl nicht einmal meine Familie an mich glaubte. Wo war meine Willenskraft? Warum hatte ich so eine verdammte Angst vor dem Fallen, dem Scheitern, den Blicken, den Schmerzen, den Rückschlägen?


Wo war diese unendliche Kraft in mir? Diese Kraft, die sich immer entfachte, wenn jemand sagte, dass ich etwas nicht kann. Irgendwo zwischen Triathlon und Yoga hing mein Ego fest. Ich wollte nichts mehr beweisen müssen. Ich wollte langsam und schwach sein dürfen. Ich wollte ich sein dürfen. So wie ich mich gerade fühlte.


Aber vielleicht reichte es jetzt. Vielleicht brauchte ich gerade jetzt mein Ego zurück, damit ich aus dieser Opferrolle rauskam. Ich wollte nicht mehr sitzengelassen werden!

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