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#29: First Class Ticket

Aktualisiert: vor 6 Tagen

- November 2018 -


Da stand ich nun, vor einem dieser Luxussitze, die man in eine Liegeposition per Knopfdruck fahren konnte. Was auf dem Hinflug noch ein weit entfernter Wunsch war, einmal in meinem Leben First-Class zu fliegen, war plötzlich wahr geworden. Ich sagte ja schon, pass auf was du dir wünscht, denn es könnte wahr werden. Doch konnte ich es wirklich genießen? Nein.


Ich hätte einiges darum gegeben, die Flugzeit in der Economy Class neben meinem (Ex-)Mann, ganz normal sitzend, zu verbringen. Denn er durfte nicht einmal zu mir kommen, um zu sehen wie es mir geht. So waren die Regeln in diesem Flieger. Nun musste ich zehn Stunden alleine klar kommen.


Natürlich war ich in dem Sinne nicht alleine, denn auch diesmal saß eine sehr nette Amerikanerin neben mir, die mir gleich ihre Hilfe anbot. Nur waren mein (Ex-)Mann und ich mittlerweile ein eingespieltes Team, er wusste genau, was ich wann brauchte, in welcher Geschwindigkeit und in welchem Bewegungsablauf. Vielleicht schaffe ich es ja irgendwie alleine.


Falsch gedacht. Ich hatte schon Probleme, mir den Sitz so zu justieren, dass ich mit den Krücken, meiner Schiene, meinem Rucksack, den Medikamenten und dem ganzen Bettzeug, denn da gab es sogar ein richtiges Kopfkissen mit Bettdecke, freie Fahrt hatte. Es war immer etwas im Weg und ich kam mir vor wie der letzte Depp.


Irgendwie hatte ich es dann doch geschafft, den Sitz für den Start so einzustellen, dass meine Beine hochlagen und die Sitzlehne aufrecht blieb.


Und dann kam auch schon das Begrüßungskomitee. Echt jetzt. Jeder einzelne Passagier wurde mit dem Namen begrüßt und bekam die Menükarte. Krass.

Es gab sogar richtiges Porzellangeschirr und richtiges Besteck. Zu meinem Wellcome-Package gehörten außerdem High-End Kopfhörer. Du weißt schon, diese Dinger, die aussehen wie früher die Ohrenschützer. Zudem bekam ich eine Augenmaske, Zahnputzzeug, Creme, Ohrstöpsel, Socken, Taschentücher und Mundspülung. Doch am liebsten waren mir direkt neben mir die weißen Pillen, in Form von Ibuprofen und Hydrocodon. Oxycodon hatte ich abgesetzt. Doch das Hydrocodon brauchte ich dringend. Ebenso dringend brauchte ich bald eine Toilette. Verdammt. Was mache ich denn jetzt? Jemanden fragen? Die Toilette war verdammt weit weg. Bestimmt zehn Meter.


Also gut, Sitz wieder in die Ausstiegsposition fahren, alle Gerätschaften auf die Seite räumen und mir von meiner Nachbarin die Krücken geben lassen. Los geht’s!

Genau in diesem Moment war ich noch mehr dankbar um die amerikanische Variante der Krücken, denn so konnte ich sie mir in dem schmalen Gang unter die Achseln schnallen und mich gleichzeitig an der oberen Kante der kleinen Minikabinenwänden festhalten, wo jeder seinen Hightechsitz hatte. Stück für Stück hangelte ich mich dann durch dieses gefühlte Nadelöhr und hatte bei jedem Schritt schmerzen. Bitte lass mich bald ankommen!


Mist. Da war nichts mehr zum Festhalten. Und der Flieger begann auch noch zu wackeln. Mama! Hilfe!


Ich entdeckte um die Ecke einen Getränkewagen und konnte mich dort irgendwie hinhangeln. Dort war auch schon die Toilette mit so einer fiesen Falttür. Oh, Mann. Wie soll ich das mit den Krücken nur machen?


Und wieder kam im letzten Moment ein rettender Engel in Form einer Stewardess, die mir die Tür aufhielt. Die Toilette war so eng, dass ich die Türe offen lassen musste und mein Engel stand draußen schmiere, damit ich einigermaßen Privatsphäre hatte.


Und das ganze wieder zurück. Schön langsam.

Angekommen an meinem Platz startete die Aktion Sitzjustierung vs. zu viel Krempel  erneut. War das anstrengend. Ich war fix und alle. Ich werde einfach nichts mehr trinken. Punkt.


Natürlich hatte ich mich nicht daran gehalten und musste irgendwann wieder. Da ich wusste, was auf mich zukommt, versuchte ich es anzunehmen, wie es war. Und siehe da, es tat weder weh, noch stellte ich mich dämlich an. Diesmal schaffte ich es sogar, die Toiletten-Tür zu schließen. Halleluja!


Der Flug verging nicht wie im Flug und langsam wurde es sehr unangenehm. Mir tat alles weh und ich war hundemüde. Ich hatte wirklich die Schnauze voll vom Fliegen und fragte mich, wie ich zu einem früheren Zeitpunkt hätte fliegen sollen, wo es mir noch schlechter ging. Was für eine Strapaze. Und wie sehr freute ich mich schon auf den Krankenwegen, auf so einem gemütlichen Bettchen liegen und schlafen. Überhaupt einmal wieder so richtig für ein paar Stunden am Stück schlafen. Das wär’s.


Irgendwann ging dieses Drama dann doch zu Ende und wir landeten in Amsterdam. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie glücklich ich war, als mich mein Mann abholen durfte. Er hatte sogar während des Fluges eine Stewardess gebeten, nach mir zu sehen und mich zu fragen, wie es mir ging. Ich flunkerte ein wenig, weil ich nicht wollte, dass er sich Sorgen machte.


Doch er sah schon an meinem Gesicht, dass das kein Spaß hier war. Und seine Gesellschaft währte nur von kurzer Dauer, denn er musste seinen Anschlussflug bekommen. Mir war zwar klar, dass wir uns bald wieder sehen werden, spätestens Morgen. Aber es fiel mir unheimlich schwer ihn gehen zu lassen.

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