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#28: Mit Vollspeed durch den Flughafen von Seattle

Aktualisiert: vor 6 Tagen

- November 2018 -


Als der Flieger in Seattle landete, musste ich warten, bis alle ausgestiegen waren. Das machte ich doch gerne und freute mich sehr, als mein (Ex-)Mann mich sogar abholen kam. Er war sehr besorgt und durfte sogar während des Fluges zu mir kommen, um nach mir zu sehen. Alles gut. Zumindest bis dahin.


Als wir am Gate standen kam ein liebenswerter großgewachsener Herr wieder mit einem Rollstuhl, der keine Hochlegefunktion für mein Bein hatte. Also organisierten sie etwas viel besseres, nämlich so einen wilden Flitzer, die meist mit älteren Frauen, samt Gepäck, durch den Flughafen heizen. Voll cool! So ein Ding wollte ich schon immer einmal fahren. Vor lauter grinsender Vorfreude entwickelte ich soviel Dopamin, dass ich sogar alleine auf das schnelle Gefährt klettern konnte. Schön weich diese Sitze, so mag das mein geschundener Körper.


Los ging die wilde Fahrt durch den Flughafen und ich musste mich wirklich gut festhalten, denn die Bremse war ein sehr abruptes fieses Ding. Dennoch machte es irgendwie Spaß und ich glaube mein (Ex-)Mann fand es auch ganz cool. Was man so alles mit einer Patella-Fraktur erlebt, hätte ich vorher auch nicht für möglich gehalten. Das nächste Hindernis war die Schwebebahn, die nur durch einen Aufzug erreichbar war. Da passte mein neu liebgewonnenes Gefährt leider nicht rein und laufen wäre zu weit gewesen.


Natürlich gab es auch hier wieder eine Lösung. Der liebenswerte großgewachsene Herr bastelte mit den Krücken eine Hochlagerungsmöglichkeit, in dem er sie Mac-Gyver-mäßig seitlich durch den Schlitz am Rückenteil durchschob. Es hielt tatsächlich, jippie! Schwebebahn wir kommen!


Und es wurde noch besser, denn ich durfte mit meinem Ticket in den VIP-Bereich der Fluggesellschaft, mit chilligen Sitzen und Snackbuffet. Meinen (Ex-)Mann lud ich ein, denn ich wollte das mit ihm zusammen genießen. Zumindest was Genuss in diesem Moment für mich bedeutete: möglichst wenig auf die Toilette müssen und eine gute Sitz-Beinhochlege-Möglichkeit.


Als ich endlich saß merkte ich, dass ich schon ziemlich angeschlagen war und mein Hals kratzte von der Klimaanlage.


Plötzlich sagte eine junge Frau zu mir: „Hi, I am Jackie, I am an Energy-Healer, do you need energy?“ Ich war sprachlos. Ich musste im Himmel sein. Natürlich wollte ich heilende Energie. Mega. Ich hatte sie vorher schon gesehen und mich bei ihr entschuldigt, weil ich ihr auf der langen gepolsterten knallroten Bank den Rücken zudrehen musste, damit ich mein Bein hochlegen konnte.


Und so legte sie ihre Hände auf meinen Rücken und ich spürte wie diese angenehme Wärme durch meinen Körper floss.


Gegenüber saß ein Pärchen und er sagte: „I wanna be next“ und wir lachten alle. Ich fragte mich in dem Moment wie so eine Situation wohl in Deutschland wäre.

Zum Glück war mein (Ex-)Mann zu dem Zeitpunkt auf der Toilette und kam erst wieder, als wir schon fast fertig waren. Ich wäre schon gerne mal in seinem Kopf, was er da wohl so denkt. Zumindest war er sehr ruhig und in sich gekehrt, als Jackie und ich uns unterhielten. Über ihr neues Buch an dem sie schrieb, über heilende Zeichen, die sie gechannelt hat und, dass sie auch in Kaua'i war auf einer Heiler-Fortbildung. Wir verstanden uns auf anhieb und auch wenn ich mich wiederhole: Ich war erneut unendlich dankbar für diese Begegnung. Natürlich tauschten wir Nummern aus, denn Jackie liebt Germany und ich war noch nie in Kanada, wo sie lebt. Wer weiß, was noch daraus entsteht.


Und ihre Energie konnte ich wirklich richtig gut gebrauchen, denn es stand nun der größte Reiseabschnitt bevor. Der Flug von Seattle nach Amsterdam.

Bitte lieber Gott mach, dass ich mich im Flieger hinlegen kann. Bitte!


Mit frischer Energie traute ich mich sogar alleine auf die Toilette mit den Krücken. Ja, ich hatte große Angst hinzufallen und trotzdem wollte ich es alleine schaffen. Ich wollte mich auch ein wenig waschen und Zähne putzen, wir waren ja schon sehr lange unterwegs. Was für ein Kraftakt. Jedes Mal. Plus der Angst vor dem Fallen und, dass ich eine falsche Bewegung machen könnte, die höllische Schmerzen verursachte. Nein, dieser Teil machte keinen Spaß und der Nächste auch nicht.

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