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#22: Intime Momente


Es geht weiter mit meiner "Hawai'i-Geschichte" ...


Du möchtest von Anfang an lesen? #17: Kniescheibe in Trümmern




- Oktober 2018 -


Ich hatte immer wieder Hitzeschübe und musste ungewöhnlich oft auf die Toilette, was jedesmal eine echte Herausforderung war. Ich war nach jedem Toilettengang fix und fertig und fühlte ich wie nach einem Marathon. Und ich weiß, wie sich ein Marathon anfühlt ;-)


Während der OP hatte ich viel Blut verloren und realisierte erst viel später wie krass meine Blutwerte waren. Ich hatte eine Anämie. Jetzt hieß es besonders, wirklich nur gute Sachen zu mir zu nehmen. Und mein Körper signalisierte mir das auch sehr stark, da er nur nach frischen Sachen verlangte und überhaupt keinen Kaffee mehr wollte. Im Grunde weiß ich, dass zu viel Kaffee mir gar nicht gut tut, aber in dieser Zeit ekelte es mich regelrecht davor. Zum Glück gab es im Garten allerlei Energy Food und ich liebte es, jeden Tag Mangos und Avocados frisch vom Baum zu essen.


Noch zu Hause weigerte sich mein (Ex-)Mann vegan mit mir zu kochen, es war ihm viel zu kompliziert. Nun hatte er keine andere Wahl, denn ich konnte mich kaum auf den Krücken halten und war so geschwächt wie noch nie in meinem Leben. Was soll ich sagen, er machte alles so wundervoll, dass ich mich manchmal fragte, wer dieser Typ ist, der sich so rührend um mich kümmert. Denn in den letzten Monaten war es eher umgekehrt.


Nun war er voll und ganz für mich da und ich konnte in manchen Momenten sehr schwer damit umgehen. Natürlich war es für ihn zu Beginn sehr anstrengend, weil er sich intensiv damit beschäftigen musste, wie ich meine Sachen gerne habe, wie zum Beispiel essen oder was ich zum Anziehen brauchte und wo er es fand.


Und für mich war es eine große Herausforderung meine Bedürfnisse klar und deutlich zu äußern.


Weißt du was das Verrückte war? Wie vehement mein Körper mir Signale schickte, was er brauchte und was ihm gar nicht gut tat. Sofort nach dem Unfall hatte ich keinerlei Bedürfnis mehr nach Kaffee. Mein Körper wollte nur noch frische Sachen und zu Beginn Heidelbeeren. Und sobald mein Laptop im WLAN zu lange auf meinen Beinen lag, wummerte mein ganzes verletztes Knie.


So musste ich eine gute Balance finden meine eMails zu beantworten, alle meine Events umzuorganisieren und Coaching- und Massagetermine zu verschieben. Es ging nur Schritt für Schritt. Manchmal konnte ich nur eine eMail beantworten und brauchte wieder eine Pause.


Doch was soll ich sagen, im Nachhinein lief alles rund.


Nach ein paar Nächten zogen wir in das Zimmer nebenan, weil es näher an der Toilette war.


Ich konnte nicht beim „Umzug“ helfen und so musste ich zusehen wie mein Mann das in seiner Art und Weise tat. Wir hatten zwar in der Vergangenheit viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Gegenpole: Ordnung vs. Chaos. Planung vs. Spontanität, Kontrolle vs. Vertrauen.


Du ahnst es vielleicht schon, ich war die Ordnung ;-)


Hättest du mir gesagt, dass sich diese Rollen bald schon fast vertauschen werden. Dass ich mich voll ins Leben stürze, alle Regeln über Bord werfe und er getaktet sein Leben plant, dass es mir schon fast die Luft abschnürte.


Ich fragte mich in solchen Momenten, wie wir wirklich tief in uns waren. Womöglich war ich in Wirklichkeit das Chaos. Denn als Kind machte mir das Chaos auch nichts aus.


Doch in dieser Zeit in diesem Zimmer war es für mich fast unerträglich.


Jetzt denkst du dir vielleicht „ist doch total egal“. Wäre schön gewesen, wenn ich so hätte denken können. Aber für mich war es zeitweise der Horror, weil ich es aufgeräumt haben wollte, frei und klar.


Aber ich war zu schwach und unfähig Dinge von A nach B zu tragen. Es reichte gerade ein paar Mal am Tag zum WC und zurück.


Und jeder kleine Teppich, jede Bodenleiste war ein großes Hindernis für mich da drüber zu kommen. Jedesmal die Angst zu überwinden, nicht zu fallen. Ja, ich hatte mittlerweile panische Angst hinzufallen.


Mein Mann war immer an meiner Seite, um mich im Notfall zu halten und lobte mich bei jedem Schritt.

 

Doch dieser Weg ging irgendwann auch nicht mehr, mein ganzes System war leer. Seit dem Unfall schlief ich pro Nacht vielleicht 1,5 Stunden und lag wie ein Stock am Rücken im Bett, damit mein Knie gestreckt blieb. Wo ich so eine leidenschaftliche Bauchschläferin war und niemals auf dem Rücken schlafen konnte.


Du ahnst es schon, auch hier hat mich das Leben eines Besseren belehrt. Mittlerweile kann ich auf dem Rücken schlafen. Doch zu diesem Zeitpunkt sehnte ich mich so sehr danach, wenigstens auf der Seite liegen zu können. Aber es ging nicht.


Mit Schiene konnte ich erst recht nicht schlafen und wenn ich mich mit Schiene nur geringfügig seitlich zu drehen versuchte, schoss ein fieser Schmerz in meine Kniekehle.


Und zu allem Übel hatte ich nun noch eine Blasenentzündung bekommen. Zumindest fühlte es sich so an. Verdammt. Das hatte gerade noch gefehlt. Nein, das machte keinen Spaß mehr.


Mir war bewusst, dass Blase für Angst steht. Vor was hatte ich Angst?


Wenn du dich entscheidest, dass du lieber eine Schüssel nimmst, als auf die Toilette zu gehen, kannst du dir vielleicht vorstellen, wie schwach man sich fühlt. Ich war gefühlt am tiefsten Tiefpunkt angekommen und musste mir von meinem Mann helfen lassen.


Jetzt denkst du dir vielleicht „Igitt“ oder „Erotik ade“. Ja, das dachte ich auch. Vor allem, wenn du in einer Beziehung lebst, wo es für den anderen völlig tabu ist, gleichzeitig im Badezimmer zu sein, wenn der andere auf die Toilette musste.


Und dann war da dieser eine Moment. Dieser Moment, wo er einfach seine Arme von hinten um mich legte und mich so festhielt, dass ich auf meinen wackeligen Beine nicht weg sank. Dieser Moment wenn ein starker Mann eine schwache Frau festhält und es völlig egal ist, was der eigentliche Grund dafür ist.


Das war einer der kraftvollsten, schönsten und intimsten Momente unserer ganzen Partnerschaft.

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