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#14: Erster Schultag



Okay, diese Geschichte ist etwas strange.


Aber ich versuche die Dinge differenzierter zu betrachten und mir alle Ebenen anzusehen. Wie in diesem Fall.


In meiner Ehe hat mir eine essentielle Sache gefehlt und das hatte viel mit kuscheln und knutschen zu tun. Es war klar, dass es nicht sein Ding war, aber ich habe gemerkt, dass ich nicht bis an mein Lebensende darauf verzichten kann. Auch wenn wir uns so richtig super verstanden haben. Das konnte es irgendwann nicht aufwiegen. Auch nicht mein Drang nach Reisen und ein freieres Leben zu führen - und das letztendlich auch irgendwann mit meinem zukünftigen Partner zu leben.


Ich weiß, dass es das Gesetz der Resonanz gibt und, dass das Außen oft ein Spiegel ist, von meiner Innenwelt.


In diesem Fall habe ich gelernt, dass mein Exmann mir vielleicht einen Teil widergespiegelt hat: Die unfassbare Angst davor, jemanden wirklich nah zu sein, denn das kann dazu führen, dass wir verletzt werden.


Jedoch war das nur die halbe Wahrheit.


Denn einmal saß ich in der Mediation und dabei kam heraus, dass eine Angst noch darunter lag: Bedingungslos für das geliebt zu werden, was ich bin. Was mich ausmacht. Weil ich das so nicht kannte. Oder versucht habe, mich als Kind zu zeigen und so nicht akzeptiert wurde, wie ich war. Und das alles ist auch in unseren Köpfen. Denn was letztendlich genau in dem anderem vorgeht und deren Mechanismen ist, können wir nicht nachempfinden, weil wir nicht in deren Schuhen gelaufen sind

Letztendlich habe ich erfahren, dass es da draußen sehr wohl Männer gibt, die genauso wie ich, diese Nähe brauchen. Aber es wiederum ein Paradox ist, denn früher oder später kommen die erlebten Kindheitsängste bei uns allen nach oben.


Ich denke, dass hat auch ganz viel mit Trauma zu tun und ich wusste, dass in diesem Fall, er, auch traumatisiert war. Also dieser Typ später ;-), der auch Nähe brauchte, aber letztendlich eine Coolness-Mauer um sich gezogen hatte.


Wenn wir traumatisiert sind, dann scannen wir ständig unsere Umwelt auf Sicherheit. Wir können sehr gut zwischen den Zeilen lesen und nehmen viel mehr Facetten und tiefere Schichten war, als andere Menschen.

Jetzt stelle ich mir das so vor: Wir erleben etwas in unserer Kindheit, was schlimm für uns war. Daraus entstehen Wunden und Narben.


Plus wir glauben, dass das unsere Realität sein wird. Vielleicht auch in der Zukunft. Daraus entstehen wiederum unsere Glaubenssätze.


Ich bin als Coach mittlerweile sehr gut darin die Glaubenssätze meiner Klientinnen und Klienten zu erkennen, weil mir mein Trauma auch die Fähigkeit gegeben hat, Menschen besser sehen zu können. Was wunderschön ist.


So fühle ich was darunter liegt.


Man könnte auch sagen, dass traumatisierte Menschen gelernt haben, tief in das Unterbewusstsein des anderen blicken zu können.


Blöd nur, wenn dann zwei Menschen sich finden, die sich erstmal interessant, spannend und witzig winden. Dann körperliche Nähe entsteht und man tiefer blickt.


Meist ist dann der eine derjenige, der Verlustangst entwickelt und der andere sich in die Enge gedrängt fühlt - oder es der Person zu viel wird.


Ich kenne beide Mechanismen bei mir. Je nach dem, was gerade in dem anderen vorgeht.


In diesem Fall hatte ich Angst verlassen zu werden. Auch wenn ich mich zu dem Zeitpunkt, als er es ausgesprochen hatte, nicht damit gerechnet hatte. Ich hatte an dem Tag nur einmal kurzzeitig daran gedacht.


Zack war es Wirklichkeit.

Ja, traumatisierte Menschen, glaube ich zumindest, haben ein sehr starkes Feingefühl für Schwingungen.


Als er mich dann nach Hause fuhr und es klar, war, dass es vorbei ist, stellte ich ihm eine Frage über seinen Vater. Weil ich wahrgenommen hatte, dass diese ganze Szene hier nichts mit mir zu tun hat.


Ja, er bestätigte, dass da wohl etwas vorgefallen war.

So fragte ich ihn: Und was hat das Ganze mit der Situation jetzt zu tun?


Er konnte die Brücke nicht schlagen, was mich unfassbar traurig gemacht hat. Aber im Grunde bin auch froh, weil es auf Dauer nicht gut gegangen wäre. Weil mich bestimmte Dinge einfach auf Dauer auch gestört hätten, die nichts mit Trauma zu tun hatten, sondern anderen Gegebenheiten.

Aber er hat mir geholfen, diese Dynamik ein wenig besser zu verstehen, auch wenn ich es noch nicht geschafft habe, es bei mir aufzulösen.


Vielleicht schaffe ich es auch nie, sondern lerne damit zu leben und zu hoffen, dass es da draußen jemanden gibt, der auch tiefer blicken kann. Und mich darunter sieht und wahrnimmt. Nicht die Wunden und Narben. Nicht die Glaubenssätze. Nicht dieses Konstrukt, das ich über all die Jahre erschaffen habe.


Jetzt fragst du dich vielleicht, warum der Titel “Erster Schultag” heißt.


Gute Frage ;-)

Bei unserem zweiten Date hat er mich zum Zug gebracht. Ich hatte einen Rucksack dabei.


Er war total süß und hat mir meinen Rucksack zurecht gerückt.


Dann habe ich mich verabschiedet, drehte mich noch einmal um und er sagte mit einem Lächeln: “Erster Schultag.”


Ich musste so lachen.


Als er mich dann beim letzten Treffen nach Hause fuhr, stieg ich aus dem Auto aus. Wir verabschiedeten uns und ich ging weg.


Drehte mich um und sagte: “Zweiter Schultag”.


Ja, so sind wir wie Schulkinder und die Schule des Lebens wird wohl niemals enden.


Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.


Danke auch für diese Begegnung.


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